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die notwendigkeit einer interpretatorischen tätigkeit ergibt sich aus der tatsache, dass restauratorische eingriffe eine veränderung des bestehenden objektes darstellen. diese eingriffe können so vielfältig sein, dass sie von der völligen neugestaltung bis zur völligen zerstörung reichen. soll die konservatorisch restauratorische tätigkeit überhaupt einen sinn haben, muss sie den spielraum zwischen neugestaltung und zerstörung so interpretieren, dass durch nachvollziehbare kriterien für den großteil der mitglieder eines bestimmten kulturkreises sinn geschaffen wird.

das hauptkriterium für eine konservatorisch restauratorische interpreation ist der begriff der lesbarkeit. lesbar sollte vorallem die geschichte eines objektes sein. es ist die geschichte der entstehung gleichermaßen wie die geschichte des notwendigen verfalls. verfällt ein objekt bis zur unkenntlichkeit, dann kann es nicht mehr gelesen werden.

mit der lesbarkeit der geschichte eines objektes entsteht zugleich ein konkretes vorstellungsbild der zeit, in der das objekt entstanden ist. die geschichte erzählt umso klarer und deutlicher über die entstehungszeit des objektes, je eher das objekt bestimmten formalästhetischen anforderungen entspricht. die kunst ist das beste bild ihrer zeit. dies ist ja auch der grund, warum es die restauratorisch konservatorische arbeit gibt. sie ist fokusiert auf objekte, die in irgendeiner weise dem kanon ästhetischer kriterien gerecht werden. die restauratorische tätigkeit muss daher versuchen, ein durch die kräfte der erosion, der korrosion und des menschlichen zugriffs zum teil stark entstelltes objekt in seiner lesbarkeit als ausdruck formalästhetischer anforderungen seiner zeit wieder herzustellen oder zu bewahren.

man könnte einwenden, dass ein banaler alltagsgegenstand der keineswegs formalästhetischen kriterien entspricht, genauso gut ein klares vorstellungsbild seiner zeit der entstehung hervorrufen könnte, wie ein kunstobjekt. das mag durchaus sein. aber dasselbe problem stellt sich in der gegenwart auch. was unterscheidet kunstgegenstände von alltagsgegenständen? wir haben nur das konventionelle vorurteil übernommen, dass kunstgegenstände von alltagsgegenständen verschieden sind. die konservatorisch restauratorische tätigkeit würde sich ihres sinnes berauben, wollte sie nicht auf dieser unterscheidung bestehen.

die restauratorisch konservatorische tätigkeit ist selbst ein teil der allgemeinen kunstproduktion. zu ihrem eigenen selbstverständnis muss sie die allgemeinen kriterien ästhetischer produktion zu ihren eigenen machen und diese als maßstab ihrer eingriffe setzen. nur so kann sie die lesbarkeit eines gealterten, verfallenden objektes sinnvoll wieder herstellen. wobei genau zu beachten ist, dass die wiederherstellung der lesbarkeit keineswegs die wiederherstellung des objektes bedeutet. der eingriff selbst wird zu einer ästhetischen intervention, die eben dadurch das objekt in seiner vergänglichkeit belässt und gleichzeitig seine sprachfähigkeit in stand setzt.

konkret bedeutet die interpretatorische arbeit in der restauratorischen praxis folgendes:

·        ein gealtertes, zu restaurierendes oder konservierendes objekt muss in seinen geschichtlichen schichtungen freigelegt werden.

·        die formalästhetischen anforderungen der einzelnen schichtungen müssen verglichen und in ihren beziehungen erkannt werden.

·       die interpretatorische auswahl der zu tätigenden eingriffe ergibt sich einerseits aus der gewichtung der einzelnen schichtungen und andererseits aus der notwendigkeit eines stimmigen, d.h. auf ästhetischen kriterien beruhenden gesamteindrucks. unter diese auswahlen fallen alle im engeren sinn fachspezifischen arbeiten wie ausmaß des eingriffes, auswahl der materialen, reversibilität, etc.

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